Vier waghalsige Waldläufer auf dem Weg durch das isländische Hochland
Wie jedes Jahr haben wir uns ein besonderes Ziel für unsere Großfahrt im Sommer ausgesucht. Im letzten Jahr war es das Nordkap und in diesem Jahr war es die einsame Insel Island. – Wir trafen uns alle am 22. Juni bei mir zu Hause und haben dann noch ein bißchen unseren Proviant aufgeteilt. Um 22.30 Uhr flog die Maschine los und brachte uns sicher nach Keflavik im Süd-Westen Islands.
Wie eigentlich schon erwartet, regnete es zu unserer Begrüßung. Es gab auch Probleme mit dem Zoll, da die Angel, ohne sie zu desinfizieren, nicht mit ins Land genommen werden durfte. Von den acht Litern Waschbenzin musste ich mich schon am Flughafen in Schönefeld verabschieden, da es nicht erlaubt ist, Brennbares mitzunehmen. Aber zum Glück gibt es in einer Hauptstadt wie Reykjavik ja auch gewisse Tramperläden, wo man den Liter Waschbenzin für den achtfachen Preis ersteigern konnte.
Nach einiger Wartezeit im BSI-Travel Busbahnhof geht unsere Reise jetzt erst richtig los. Wir nehmen den Bus, der uns zum Myvatn im Norden der Insel bringt. Hier ist aber noch nicht der Ausgangspunkt für unsere vierwöchige Tour durch das selten durchdrungene, gefährliche Hochland. Mit dem Glück eines Waldläufers treffen wir auf Hauptstädter mit einem VW-Bus, die uns zum Ausgangspunkt unserer Tour bringen.
Dort angekommen gaben sie uns noch den Hinweis, dass das Hochland eigentlich gar nicht zu durchqueren sei und wir doch ein bißchen verrückt seien. – Diese Aussage betraf sicherlich auch unsere doch leicht überladenen Rucksäcke. Keiner war unter 38 kg, die Spitze lag bei sage und schreibe 48 kg. Naja, wir bedankten uns für das Herfahren und verabschiedeten uns mit den Worten: "Solche Touren haben wir schon oft gemacht!" Dieses nette Ehepaar waren die letzten Leute, die wir gesehen haben. Jetzt sollten zwei lange Wochen ohne jeglichen Fremdkontakt folgen.
Na dann los! Die ersten fünf Stunden gut vorangekommen, machen wir uns erstmal ein kräftiges Essen im Hortentopf. Es ist genau 23.00 Uhr und noch taghell. Es gibt Nudeln, wie es sie noch oft auf dieser Tour geben wird. Nach diesem so guten Mahl schlagen wir hier mitten in den Dünen das Nachtlager auf. Die traditionelle Kothe, die man ja auf jeder Fahrt bei sich haben sollte, wird aufgebaut. Leider ist das auf diesem Grund ein echtes Unterfangen. Die Dünen bestehen aus Milliarden von kleinsten Steinen, wo unsere Heringe absolut keinen Halt finden. Aber Abhilfe ist schnell gefunden, mit ein paar größeren Steinen, die wir auf die Ecken der Kothe legen. Diese Kothe sieht zwar im aufgebauten Zustand nicht aus, wie eine normale Kothe, aber zum Schlafen wird es schon langen. Es ist ziemlich kalt und sehr stürmisch. Unsere erste Nacht in der wirklichen Abgeschiedenheit.
Am nächsten Tag herrschte absolute Windstille. Wie sich herausstellte, ist diese Windstille gar nicht gut für Leute, die jetzt keine Moskitonetze dabei haben, also für fast alle bis auf einen von uns, der daran gedacht hatte. Pech für uns, sehr großes Pech. Es gibt auf Island zwar keine Mücken, aber es gibt mindestens 10.000 Billionen kleiner Fliegen, die echt nichts besseres zu tun haben, als dir in alle Öffnungen deines Körpers zu fliegen, die für sie erreichbar sind: In die Augen, die Ohren, die Nase und in den Mund sind sie uns mit aller nur vorstellbaren Brutalität hineingeflogen. Aber es nützt ja nicht zu jammern, also zogen wir weiter.
Das Ziel ist der Gipfel des Vulkans Askja, der zirka drei Tagesmärsche weit entfernt liegt. Am Abend haben wir eine anstrengende Wegstrecke hinter uns gebracht. Man läuft über die Dünen wie über einen feinen Sandstrand, nur dass es hier halt Steine sind. Und wirklich überall diese Fliegen. Der ideale Lagerplatz muss mindestens einen Fluss oder sogar einen kleinen Wasserfall haben. Für heute haben wir dieses Ziel erreicht.
Nach etwas Kartenkunde geht der Weg am nächsten Tag weiter zur Askja. Die Landschaft ist unbeschreiblich schön. Die Berge, die Weite, einfach toll! Wir mussten ein paar Flüsse nehmen, so wie sie kamen: Ohne Brücken, denn hier gibt es überhaupt nichts, was auf irgendwelche Zivilisation hinweisen würde. In den nächsten Tagen mussten wir durch mehrere Flüsse, über ein paar Berge, und unserer besonderen Erinnerung gilt ein gigantisches Lavafeld. Das Feld, auf dem wir liefen, ist so weit wie wir sehen können. Es ragen bis zu fünf Meter hohe Lavafelsen aus dem Untergrund hervor. Dieser Anblick war oder ist einfach unbeschreiblich. Läuft man eine Weile durch das Feld, glaubt man wirklich, kleine Gnome und Elche aus den Formationen der Lavafelsen heraus zu sehen. Es ist sehr anstrengend, hier durchzulaufen, über die sehr spitzen Felsen. Jeder Schritt muss genau durchgeplant sein, um nicht hinzufallen und sich an den scharfen Felsen die Hosen aufzuschlitzen.
Bei einer kurzen Rast, in der wir uns wie immer einen Corny-Riegel gönnten, blickten wir zurück und entdeckten etwas Erstaunliches, für uns noch nie Dagewesenes: einen riesigen Sandsturm. Wir spekulieren, dass der Sandsturm uns niemals erreichen würde, er ist noch so weit weg. Aber falsch gedacht. Er erwischt uns voll im Lavafeld, das wir mindestens noch einen vollen Tag durchwandern müssen. Der Sand dringt in alle Ritzen unserer Klamotten. Schnell ist uns eine Lösung eingefallen, also setzten wir unsere Gletscherbrillen auf und streifen uns ein T-Shirt über den Kopf und weiter geht's. Nach einer Stunde geben wir auf. Der Sturm ist einfach zu stark und es ist zu gefährlich weiterzugehen. Der Kompass ist versandet und die Sicht zur Askja ist nicht mehr vorhanden. Wir richten ein Notlager ein. Es gibt hier keinen Platz für eine Kothe, außerdem ist es viel zu windig für ein so großes Zelt. Es ist nur Platz für eine Doppelkröte.
Gesagt, getan, die Kröte steht, also rein da. Mit vier Mann wird das ein kuscheliges vergnügen, aber es passt. Während wir da so rumliegen, diskutieren wir über die Lage. Es wird eine Kursänderung beschlossen und somit das Ziel verworfen, die Askja zu ersteigen. Schade, aber es muss sein. Unser Ziel für die nächsten Tage ist es, zu einem Punkt westlich des Hofsjökull-Gletschers zu gelangen.
Den Weg dorthin mussten wir mehrmals ändern, da ein großer Fluss den Weg versperrte. Nach mehreren Kilometern Umweg sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass wir da irgendwie durch müssen, koste es was es wolle. Ein Trupp aus zwei Mann machte sich auf den langen Weg auf die andere Seite des Flusses. Es waren etwa sechs Grad Lufttemperatur und das Wasser war noch kälter. Mit dem Rucksack über dem Kopf ging es durch den etwa 150 Meter breiten Fluss, an seiner tiefsten Stelle war er etwa 1,70 Meter tief. Also sind wir komplett nass geworden, aber glücklicherweise ist keiner ertrunken. Ein Hinterherspringen wäre auch ziemlich sinnlos gewesen, da es flussabwärts nur Steilufer gibt und ein bisschen weiter sogar einen Wasserfall. – Nachdem wir alle sicher drüben angekommen sind, haben wir uns erstmal in unsere Schlafsäcke verkrochen. Wenigstens dort war es schön warm.
Die Hälfte der Zeit ist um und wir sind glücklich am Tramperstützpunkt Pvermodur angekommen. Von hier aus geht es mit dem Hochlandbus zu unserem nächsten Ziel, der Hekla, einem Vulkan im Süden Islands. Aber auch diesen Vulkan konnten wir auf Grund des Wetters nicht erklimmen. Drei Tage hockten wir am Fuße des Vulkans, aber das Wetter änderte sich nicht.
Jetzt standen nur noch die üblichen Touristen-Attraktionen auf dem Plan: der Geysir und der Gullfoss. Beides waren beeindruckende Erlebnisse und wunderschön anzusehen, nur ein bißchen viel Leute nach zwei Wochen Einsamkeit. Auf dem Weg zum Flughafen machten wir noch einen kleinen Stopp an der Blauen Lagune, in die wir wegen des schlechten Wetters jedoch nicht hinein gegangen sind.
Abschlussreport: Wir hatten zwei Wochen gutes Wetter und den Rest hat es fast nur geregnet. Jeder sollte dieses Land einmal besuchen, es lohnt sich wirklich! Wobei man sagen muss, dass alle Fahrradfahrer echt sehr fertig ausgesehen haben. Also geht lieber zu Fuß durch Island. Wir hatten für sechs Tage Reis, neun Tage Kartoffelpüree, elf Tage Rizzi-Bizzi-Suppen, drei Tage Verschiedenes, 8 kg Müsli, acht Graubrote, acht Knäckebrote und jede Menge Aufschnitt dabei. Jeder von uns hat mindestens 6 kg Körpergewicht verloren.