Freitag, 1. Juni 1990
Wenn einer eine Reise macht …
Der lange Weg nach Krampnitz
Irgendwann Ende Februar telefonierte ich wieder einmal mit Hans und erfuhr dabei vom Forsteinsatz im Königswald bei Potsdam. Da im März bei mir schon so gut wie alles ausgebucht war, vereinbarte ich mit ihm, über Ostern in die DDR zu kommen, um mich an den Arbeiten zu beteiligen.
So suchte ich mir also für Donnerstag, den 12. April 1990 über die Mitfahrzentrale eine Fahrgelegenheit nach Berlin (da Hans schon eine Woche unten war, konnte ich leider nicht mit ihm fahren). Von dort wollte mich dann eine Berliner Pfadfinderin nach Krampnitz (Königswald) bringen. Es kam jedoch anders.
Zunächst begann unsere Fahrt nach Berlin mit zwei Stunden Verspätung, so dass wir erst gegen 21.00 Uhr ankamen und ich somit meine Pfadfinderin nicht mehr erreichte, mit der ich um 19.00 Uhr verabredet war. Da stand ich nun mitten in Berlin-Wedding und musste auf eigene Faust nach Krampnitz kommen. Ich erinnerte mich an die Wegbeschreibung von Hans: "Über die Glienicker Brücke und dann rechts Richtung Sacrow. Nach ca. fünf bis sechs Kilometern bist du da." Und ich machte mich auf den Weg.
Mein Ziel hieß Wannsee, die letzte S-Bahn-Station vor der Glienicker Brücke. Von Wedding nach Wannsee bedeutet einmal quer durch Berlin. Unterwegs, am Zoologischen Garten, kaufte ich mir dann noch einige Lebensmittel, denn insgeheim stellte ich mich schon auf eine Nacht im Wald ein (Jojo aus Heusenstamm kann ein Lied davon singen).
Gegen 22.30 Uhr erreichte ich dann Wannsee, wo ich mich auf Anraten einer älteren Dame in den Bus nach Potsdam (hinter der Glienicker Brücke links!) setzte. Meine Begleiterin war der festen Überzeugung, dass es von Potsdam aus eine Busverbindung nach Krampnitz gäbe. Ganz geheuer war mir diese Aktion nicht, denn aus Erfahrung weiß ich, dass um solche Uhrzeiten keine Busse mehr in entlegene Ortschaften fahren. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt – und eine Nacht in Potsdam ist bestimmt auch interessant.
Als ich um 23.00 Uhr am Potsdamer Busbahnhof ankam, stand dort tatsächlich auch ein Bus in Richtung Sacrow/Krampnitz, Abfahrt 23.30 Uhr. Während der folgenden halbstündigen Zwangspause studierte ich den Umgebungsplan und erkundigte mich beim Busfahrer nach der Revierförsterei Krampnitz. Leider wusste er darüber nicht Bescheid. Als ich nun so auf dem Busbahnhof umher lief, setzte sich plötzlich mein Bus in Bewegung und fuhr davon – fünf Minuten vor der Zeit, wie ich geschockt feststellte.
Kurze Zeit später konnte ich mich jedoch wieder beruhigen, denn der Wagen kehrte zurück, nahm mich auf und setzte mich nach 20 Minuten Fahrt direkt neben einer Russenkaserne ab. Unterwegs erzählte mir der Fahrer noch, dass er plötzlich losgefahren sei, um sich bei einem gerade angekommenen Kollegen nach der Revierförsterei zu erkundigen. So konnte ich dann von der Kaserne aus mit einer genauen Wegbeschreibung loslaufen.
Um Punkt 0.00 Uhr erreichte ich Krampnitz. Zur Begrüßung schlugen sämtliche Hunde des Dorfes an. Eine unheimliche Stimmung. Die Försterei war schnell gefunden, war es doch um diese Zeit das einzige beleuchtete Haus. Und getreu dem Motto "Hunde die bellen beißen nicht" konnte mich auch der wild tobende Hund vor dem Haus nicht mehr aufhalten.
Mit flauem Magen zwar, aber ohne Bißwunde (nachher war der Hund ganz nett) erreichte ich die Haustür, welche im gleichen Moment vom Förster Georg geöffnet wurde. Meine Befürchtung, ihn geweckt zu haben, erwies sich als unnötig, denn er saß mit seiner Frau, Hans und Lothar (Windfus) beim Klönschnack zusammen. Nach sieben Stunden abenteuerlicher Anreise gesellte ich mich gerne zu diesem lustigen Kreis.
Salami - Zugvogel-Horte Hamburg (563 Wörter)
Themen: Die Info, Forsteinsatz, Königswald, Patenforst, Zeltlager