Freitag, 14. August 2009 Landkarte (Beta)
Blumen für die jungen Mauertoten
Neue Informationstafeln / Wanderung zu den Originalschauplätzen
HOHEN NEUENDORF. – Sie alle waren jung. Sehr jung. Marienetta Jirkowsky war 18 Jahre alt, als sie beim vergeblichen Versuch, die 3,50 Meter hohe Mauerkrone zu erklimmen, von einem Kugelhagel regelrecht durchsiebt wurde. Das war am 22. November 1980 in der Florastraße. Wenige Stunden später starb sie im Krankenhaus Hennigsdorf. Gedenkstelen am Originalschauplatz erinnern seit drei Jahren an ihr Schicksal.
Ihre Geschichte war erst Jahre nach dem Mauerfall überhaupt ans Tageslicht gelangt. Das Geheimnis über drei weitere Mauertote im Hohen Neuendorfer Stadtgebiet hatten die Stasi-Akten sogar noch bis vor kurzem bewahrt. An die missglückten Fluchtversuche der jungen Männer – alle drei waren 19 Jahre alt – erinnern am jeweiligen Originalschauplatz seit wenigen Tagen Grenzpfähle mit Informationstafeln. Deren Aufstellung initiierten die Mitglieder des Vereins Deutsche Waldjugend, die seit 1990 in Bergfelde einen ehemaligen Wachturm im Sinne des Naturschutzes nutzen.
Anlässlich des gestrigen Mauerbau-Jubiläums hatte Hohen Neuendorfs Bürgermeister Klaus-Dieter Hartung (Die Linke) zu einer Wanderung eingeladen. Erste Station war die Stele von Rolf-Dieter Kabelitz. Er war am 7. Januar 1971 angeschossen worden und am 30. Januar an den Folgen gestorben. Der Gedenkort sei schlicht gehalten, aber angemessen und beeindruckend, sagte Hartung. Es sei nicht nur wichtig, die Erinnerung an das Geschehene für die nachfolgenden Generationen wachzuhalten. „Wir müssen es ihnen auch erklären“, so der Bürgermeister.
Ein Pfad führte die 20 Mauer-Wanderer zum Gedenkpfahl von Willi Born. Der Volksarmist war bei seiner Flucht am 7. Juli 1970 entdeckt worden und hatte sich daraufhin erschossen. Unweit der Stelle befindet sich ein „Hochzeitswald“, angelegt von Brautpaaren.
Der dritte verwitterte Pfahl steht fast schon auf Berliner Seite und erinnert an Joachim Mehr. Er wurde am 3. Dezember 1964 angeschossen, als die Mauer noch gar nicht stand. Als der Verletzte Richtung Westen kriechen wollte, versetzte ihm ein Grenzsoldat den Todesschuss. Das brachte ihm Lob und Beförderung ein, sagte Marian Przybilla von der Waldjugend bitter.
Im Anschluss steuerten die Wanderer die neu eingerichtete Gedenknische auf dem Gelände des Naturschutzturms an. Mauerbrocken säumen die Einfriedung, an der ein stachelbewehrtes Metallgitter als Relikt der Grenzanlage angebracht ist. „Es gibt noch mehr Opfer“, sagte hier die Stadtverordnete Jutta Lindner (SPD). Sehr bewegt erinnerte sie an das Leben im Schatten der Mauer und Festgenommene aus ihrem persönlichen Bekanntenkreis.
Letztes Ziel waren die Gedenkstelen an der Florastraße, wo seit wenigen Tagen Pflastersteine den ehemaligen Grenzverlauf markieren.
Helge Treichel, Märkische Allgemeine (383 Wörter)
Themen: Berliner Mauerweg, Medienecho, Naturschutzturm