Samstag, 7. Oktober 2006 Landkarte (Beta)
Schöner Weg mit gruseliger Geschichte
Mit der Hohen Neuendorfer Waldjugend auf dem Berliner Mauerweg unterwegs
Hohen Neuendorf. – Ich höre meinen Sattel vertraut quietschen, als wir die Florastraße Richtung Naturschutzturm verlassen. Der Fahrtwind zischt durch meine Ohren. In Gedanken versunken trete ich wie automatisch in die Pedalen – links, rechts, links, rechts – und bekomme erst spät mit, dass Johannes und Henrik schon wieder einen falschen Abzweig genommen haben. Sie sind, wie schon die ganze Zeit, vorne weg geradelt. Sie werden es schon merken, denke ich. Außerdem kennen sie den Weg. Ich habe gerade keine Lust gegen den Wind zu brüllen.
Gemeinsam mit einigen Jugendlichen der Hohen Neuendorfer Waldjugend – mit den beiden Zehn- und Elfjährigen, dem 13-jährigen Jonathan und dem 16-jährigen Vincent – hatte ich eigentlich eine gemütliche Radtour entlang des Berliner Mauerwegs geplant. Wir hatten uns am Naturschutzturm verabredet, um den neuen Asphalt auf dem Weg zwischen Hohen Neuendorf und Glienicke zu testen. Doch aus der gemütlichen Fahrt durchs Grüne wurde plötzlich eine nachdenkliche Reise in die Geschichte der Berliner Mauer.
Am Hohen Neuendorfer Naturschutzturm gibt uns Marian Przybilla, einer der Betreuer der Waldjugend, alte Aufnahmen, die vor Jahrzehnten entlang der geplanten Strecke geknipst wurden: Schwarz-Weiß-Fotos von Grenzern mit Kalaschnikow vor grauen Grenzsteinen. Eine Aufnahme vom Hubertussee. Und eben diese – mit dem schiefen Holzkreuz. Wir wollen diese Orte heute finden.
Die Jüngeren treten sofort wild in die Pedale, ihre bunten T-Shirts flattern im Fahrtwind. Sie sind so schnell, dass ich mir zwischendurch wünsche, ich würde nicht rauchen. Aber ich strenge mich an, um mitzuhalten. So sause auch ich über Asphalt, Schotter und immer wieder Kopfsteinpflaster. Wald, Häuser und Felder schweben durch mein Blickfeld. Fahrtwind streift meine Wangen. Tolle Strecke, denke ich. Gut ausgeschildert. Mitten in der Natur. Wieso hab ich das noch nicht eher gemacht?
In diesem Sommer hat die Stadt Berlin diesen nördlichen Teil des Berliner Mauerwegs ausgebaut. Die alten Betonplatten sind weg. Nur wenig erinnert an den mit Stacheldraht geschmückten kahlen Grenzstreifen. Seit 2005 stehen grau-weiße Wegweiser auf der insgesamt 160 Kilometer langen Strecke. "Berliner Mauerweg" steht darauf. In diesem Jahr sollen nun Stelen folgen – Informationstafeln zur Geschichte entlang der Mauer.
Eine dieser Stelen wird in der Florastraße stehen. Die Waldjugend am Naturschutzturm hatte das angeregt. Ein rosa angesprühter Holzpfahl kennzeichnet den Ort. Er ist keine hundert Meter von der Stelle entfernt, an der Marienetta Jirkowsky und ihre beiden Freunde am 22. November 1980 aus der DDR fliehen wollten. Sie schaffte es nicht.
Wir überqueren gerade Grenze in der Florastraße Richtung Hohen Neuendorf, als sich Giordana zu uns gesellt. Vor uns: die rosa Markierung. Die Schülerin gehört auch zur Waldjugend.
Die 17-Jährige beschäftigt sich schon seit Wochen in einem Projekt mit dem Maueropfer. Sie erzählt uns, was sie weiß. "Wieso hat man Marienetta Jirkowsky nicht einfach nur ins Bein geschossen?", will der elfjährige Henrik wissen, als wir mit unseren Rädern in der bürgerlichen Idylle der Florastraße in Hohen Neuendorf stehen bleiben.
Zwischen hübschen Einfamilienhäusern im Grün der Todeszone stellen sich plötzlich meine Nackenhaare auf. Dabei hatte ich mir für die kleine Tour entlang des ehemaligen Grenzstreifens morgens extra so bequeme und warme Kleidung angezogen, dass meine Mutter stolz gewesen wäre. Ich hatte dem Wetterbericht gelauscht und ganz vorbildlich eine Luftpumpe in meinen Fahrradkorb gepackt. Ich hatte mich gut vorbereitet gefühlt – auf die Gedanken, die mir jetzt durch den Kopf schießen, war ich trotzdem nicht gefasst.
Mit großen fragenden Augen blickt Henrik die 17-Jährige an. Doch auf die Frage nach dem Warum weiß auch sie keine Antwort. Wir starren vor uns hin, sind ganz still und bewegen uns kaum. 27 Schüsse, denke ich. Den Oberbauch zerfetzt. Das Mädchen war erst 18 Jahre alt!
Meine nassen Hände rutschen über den um meinen Fahrradlenker gewickelten Gummi. Ich wische sie an der braunen Kordhose ab und suche die Schwarz-weiß-Aufnahme in meinem Fahrradkorb. Hier muss es sein. Ich ziehe das alte Foto aus der durchsichtigen Folie heraus. Das Kreuz muss ganz in der Nähe gestanden haben, bevor es ein Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit "entfernte" – kurz nachdem Marienetta hier erschossen wurde.
Jordana spricht weiter. Ihre Nachforschungen seien nicht leicht. Nicht jeder komme ihr entgegen. Wieso sprechen so wenige darüber, frage ich mich in diesem Moment. Auch die Jugendlichen blicken nachdenklich auf den rosa besprühten Holzpfahl. Mit einem Seufzer sage ich nur: "Na, lasst uns zum Turm zurückfahren."
Chronik der Mauer – Todesopfer 1980 .
Susanne Zamecki, Oranienburger Generalanzeiger (708 Wörter)
Themen: Berliner Mauerweg, Medienecho, Naturschutzturm