Donnerstag, 7. Dezember 1995 Landkarte (Beta)
Solarzellen statt Suchscheinwerfer
Ökokeller im Naturschutzturm
In einem ehemaligen Grenzwachturm hat die Berliner Waldjugend ihren Treffpunkt eingerichtet. Auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Berlin-Frohnau und Hohen Neuendorf lernen junge Leute durch praktische Arbeit die Natur erleben.
"Marian, wo ist jetzt der Grenzstein?" – "Na da, wo der Pfahl aus der Erde guckt." – "Ach so." Jetzt wissen die acht Jugendlichen der Deutschen Waldjugend, wohin sie ihre Äste und Zweige für eine Gestrüppbarriere legen müssen. Durch den Wall aus totem Holz sollen junge Bäumchen geschützt werden, die auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Berlin-Frohnau, Hohen Neuendorf und Bergfelde gepflanzt wurden. Schon bald werden die Bagger zur Errichtung eines angrenzenden Gewerbegebietes anrollen. "Und die würden alles plattfahren, wenn wir die Grenze nicht markieren", befürchtet Marian Przybilla.
Der Lehrer von der Katholischen Schule Sankt Franziskus in Berlin-Schöneberg lernte 1990 die Hohen Neuendorfer Kollegin Helga Garduhn kennen, die am Runge-Gymnasium in Oranienburg unterrichtet.
Ökokeller im Naturschutzturm
Bereits vor der Wende traf sie sich regelmäßig mit Jugendlichen in ihrem "Ökokeller", doch seitdem arbeiten sie zusammen. Da auf Helga Garduhns Haus Rückübertragungsansprüche erhoben wurden, hatte sie die Idee, einen der über 300 Wachtürme der Grenztruppen als neuen Treffpunkt zu nutzen. Nach zähem Ringen mit wechselnden zuständigen Behörden war es dann soweit. Mit Mitteln der Stiftung Naturschutz Berlin und aus dem Programm "Aufschwung Ost" wurde noch 1990 mit der Renovierung begonnen.
"Das war eine richtige Bauruine", beschreibt Marian Przybilla den Zustand 1990. Auf dem Dach, wo früher der Suchscheinwerfer stand, fangen jetzt Solarzellen Sonnenenergie ein und speisen damit Batterien im Keller. Rund um den Turm wurden auf einer Fläche von mehr als zehn Hektar seit 1990 ungefähr 60.000 Bäume und Sträucher gepflanzt. Darunter nicht nur einheimische Baumarten wie Kiefer, Eiche, Linde und Ahorn, sondern auch alte Obstsorten. Ferner gibt es eine Exotenecke, unter anderem mit einem Mammutbaum.
Hilfe vom Forstamt
Etwas besonderes ist der "Hochzeitswald". Immerhin schon acht Paare haben dort am Tag ihrer Hochzeit einen Baum gepflanzt und betreuen ihn weiter. Weitere Paare sind gern gesehen. Marian Przybilla betont, daß die Arbeiten mit den Forstämtern in Bergfelde/Borgsdorf auf Brandenburger und Tegel Nord auf Berliner Seite abgesprochen und von diesen auch erheblich unterstützt wurden. Neben den Aufforstungen entstanden ein Teich, Trockenrasenflächen, Gemüse- und Kräuterbeete. Im "Unkrautzoo" können Pflanzen betrachtet werden, die sonst nur vereinzelt auftreten.
Jeden Donnerstag unterrichtet er draußen am Turm wechselnde Klassen seiner Schule. Auch Helga Garduhn kommt regelmäßig mit Schülern zum Turm. Ziel ist wie bei der Arbeit für die Waldjugend, daß Jugendliche durch praktische Arbeit die Natur erleben und verstehen. Besonderen Wert legen die beiden Lehrer auf die Kontinuität. Die Schüler können beobachten, wie sich Dinge entwickeln, wie groß zum Beispiel ein in der siebten Klasse gepflanzter Baum bis zum Abitur wird. Zurück am Turm entfachen Christian und Bernd ein Feuer unter einem Topf Wasser. Geheizt wird mit Holz und einer Warmluftheizung. Zur Arbeit der Waldjugend gehören auch Fahrten und Lager. Man trifft sich mit Gruppen aus anderen Bundesländern, arbeitet und feiert zusammen.
Ulrich Dahl, Berliner Zeitung (476 Wörter)
Themen: Medienecho, Naturschutzturm